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Kinderkardiologie

Leiter:
Prof. Dr. med. Sven Dittrich
Uni-Klinikum, Kinderherzchirurgie, Kinderherzzentrum, Kinderkardiologie

Am seidenen Faden

Vom Husten zum Herzalarm: Erlanger Ärzte retten Kleinkind mit scheinbar harmloser Erkältung das Leben

Wenn Kathrin R. die vergangenen Monate rekapituliert, gerät sie immer noch ins Staunen: Ihre inzwischen zweijährige Tochter Sophie, die bisher nie wirklich krank war, ist dem Tod in diesem Frühjahr gerade noch einmal von der Schippe gesprungen. „Alles begann mit einem scheinbar harmlosen Husten, den im Februar ja quasi alle hatten“, erinnert sich die Mutter. „Plötzlich ging es dann aber ganz schnell. Anfang März wurde Sophie als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert. Drei Tage später musste ein Kunstherz sie am Leben erhalten.“ Dass das Mädchen nun gesund nach Hause entlassen werden konnte, ist richtigen ärztlichen Entscheidungen sowie den Spezialisten der Kinderherzchirurgischen und der Kinderkardiologischen Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen zu verdanken.
Prof. Dr. Robert Cesnjevar (l., Leiter der Kinderherzchirurgie) und Prof. Dr. Sven Dittrich (r., Leiter der Kinderkardiologie) freuen sich mit den Eltern über den glücklichen Ausgang dieses außergewöhnlich schweren Krankheitsverlaufs. Foto: Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen

„Ursache für Sophies akute Myokarditis, eine Entzündung des Herzmuskels, war ein Adenovirus: ein Erreger, der quasi in jeder Schniefnase zu finden ist“, erklärt Prof. Dr. Sven Dittrich, Leiter der Kinderkardiologie des Uni-Klinikums Erlangen. „Dass eine gewöhnliche Erkältung so eskaliert und ein junges Herz derartig angreift, kommt leider regelmäßig vor. Dass sich Sophies Herz so rasch und weitgehend erholt hat, ist allerdings die große Ausnahme. Einen vergleichbaren Fall hatte ich zuletzt im Jahr 2009.“ Wie gefährlich die Erkrankung tatsächlich war, ist den Ärzten heute noch anzuhören. Wenn erfahrene Experten Wörter wie „dramatisch“, „kritisch“, „schwierig“, „Ultima Ratio“, „lebensbedrohlich“ etc. nur so aneinanderreihen, lässt sich erahnen, wie dicht Leben und Tod in diesem Fall beieinanderlagen. „Wir mussten einige hochkomplexe Eingriffe durchführen“, sagt Prof. Dr. Robert Cesnjevar, Leiter der Kinderherzchirurgie des Uni-Klinikums Erlangen. „Umso mehr freuen wir uns jetzt über den glücklichen Ausgang.“

Hilferuf aus der Kinderkrippe

„Seit November geht Sophie in eine Kinderkrippe, da brachte sie natürlich auch mal einen Husten mit nach Hause“, berichtet Kathrin R. „Leider halfen weder Hausmittel noch ein Antibiotikum. Eines Tages erhielt ich einen Anruf von den Erzieherinnen, dass ich meine Tochter abholen soll: Sie hatte blaue Lippen, röchelte, aß und trank nichts mehr.“ Sofort machte sich die Familie aus einem mittelfränkischen Dorf auf den Weg ins Klinikum Fürth, wo schnell mit Infusionen, Ultraschalluntersuchungen und Röntgenaufnahmen der Lunge reagiert wurde. Ein Satz des behandelnden Oberarztes blieb bei Kathrin R. hängen: „Da ist etwas auf den Bildern, das mir nicht gefällt.“ Tatsächlich zeigte sich das Herz des kleinen Mädchens um ein Drittel vergrößert und der Herzmuskel arbeitete kaum noch. Unverzüglich setzten sich die Fürther Kollegen mit den Erlanger Kinderherzspezialisten in Verbindung. „Im Krankenwagen auf dem Weg zum Uni-Klinikum stand ich unter Schock“, erinnert sich die Mutter. „Sophie war immer kerngesund – und jetzt das.“

Dramatische Nachtstunden

In Erlangen wird das 21 Monate alte Kind direkt auf die Intensivstation gebracht und medikamentös behandelt, doch Sophies Zustand verschlechtert sich zunehmend. Nachts um 3.14 Uhr ist klar: Das Mädchen muss schnellstmöglich an ein Extracorporeal-Life-Support-System (ECLS), eine Maschine, die die Funktion des Herzens übernimmt, den Körper mit Sauerstoff versorgt und ihn so am Leben erhält. Binnen Minuten ist das ganze Team – zwei Kinderherzchirurgen, ein Anästhesist, zwei OP-Pflegefachkräfte und ein Kardiotechniker – vor Ort. Doch da steht Sophies Herz bereits still. „Wir begannen sofort mit der manuellen Herzdruckmassage“, erläutert Dr. Robert Blumauer, zu diesem Zeitpunkt diensthabender Kinderherzchirurg. „Der Eingriff war dramatisch, da wir das Kind die ganze Zeit reanimieren mussten: sogar, als wir den Thorax bereits geöffnet hatten und am offenen Herzen operierten. Unter diesen Umständen ist es beispielsweise schwieriger, die beiden notwendigen Kanülen zu legen. Eine muss in die Aorta, die andere in den rechten Vorhof.“

Nach der OP geht es Sophie vorerst besser, die Medikamente können reduziert werden und der Kreislauf ist stabil. Aber die Pumpleistung des Herzens reicht auch drei Tage später nicht aus, um den kleinen Körper selbstständig zu versorgen. Die Erlanger Experten empfehlen den Einsatz eines Kunstherzens. „Ein sogenanntes Berlin Heart sollte Sophies Herz langfristig unterstützen“, erläutert Dr. Ariawan Purbojo, Oberarzt der Kinderherzchirurgie. „Niemand kann sagen, wie lange ein Herz braucht, um sich zu erholen. Das kann acht Wochen dauern, zwei Jahre oder es klappt nie und der Patient muss sogar auf die Warteliste für ein Spenderorgan gesetzt werden. Erfreulicherweise kam Sophies Herz vergleichsweise schnell wieder zu Kräften.“ So konnte die Leistung des Berlin Heart nach und nach reduziert und das Gerät nach drei Monaten bereits wieder explantiert werden. Eine Woche später verließ das Mädchen mit seinen Eltern die Kinderklinik. „Sie muss noch eine Zeit lang Medikamente nehmen und regelmäßig zur Kontrolle zu uns kommen“, sagt Prof. Dittrich. Prof. Cesnjevar fasst zusammen: „Es stand auf Messers Schneide. Es hätte sich in die eine oder in die andere Richtung entwickeln können. Dass eine solche Geschichte dermaßen gut ausgeht, ist selten.“

Geburtstagsfeier mit Kunstherz

Zwischen der Fahrt mit dem Krankenwagen Anfang März und der Entlassung Ende Juni liegen nur vier Monate – in denen Kathrin R. und ihr Mann über sich hinauswachsen mussten. „Ich erinnere mich noch gut daran, als nachts das Telefon klingelte und die Ärzten mir sagten, dass Sophies Herz versagt“, berichtet die 41-Jährige. „Da musste ich den Hörer an meinen Mann weitergeben, denn ich hatte keine Worte mehr. Ich hatte jedoch vollstes Vertrauen in die Erlanger Experten.“ Nachdem diese ihrer Tochter in jener Nacht das Leben retteten, wünschte sich Kathrin R. genau das gleiche Team für die nächste OP, bei der das Kunstherz eingesetzt wurde. „Ein wenig Angst und großen Respekt hatte ich vor dem Gerät anfangs schon – die Angst ging weg, der Respekt blieb“, sagt sie heute. „Sie hat die schwierige Zeit bravourös gemeistert“, findet Frank Münch, leitender Kardiotechniker des Uni-Klinikums Erlangen. „Wir haben sie im Umgang mit dem Kunstherz geschult. So konnten Mutter und Tochter das Gebäude auch mal verlassen, das ist wichtig für die Seele. Als das Gerät tatsächlich einmal Probleme machte, hat Kathrin R. wie aus dem Lehrbuch reagiert, einen Notruf abgesetzt und manuell gepumpt. Mich hat beeindruckt, dass sie nie in Panik verfiel.“ Mit Blick auf ihre Tochter blieb Kathrin R. immer ruhig und plante auch eine kleine Feier mit selbst gebackenem Kuchen anlässlich Sophies zweitem Geburtstag, der genau in diesen Zeitraum fiel. Der ungewisse Ausgang und die Zeit auf der Intensivstation waren dennoch eine große Belastung für das Elternpaar. „Ich bin regelmäßig rausgegangen, sonst wäre ich durchgedreht“, sagt Kathrin R. „Aber wir wussten uns immer in sehr guten Händen. Das Team der Kinderklinik ist für uns wie eine zweite Familie.“

Weitere Informationen:

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E-Mail: kinderherzchirurgieatuk-erlangen.de

Prof. Dr. Sven Dittrich
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E-Mail: kinderkardiologieatuk-erlangen.de

Dies ist nur ein kleiner Teil des großen Teams, das sich in der Kinderklinik des Uni-Klinikums Erlangen um Sophie kümmerte, darunter die Kinderherzchirurgen Dr. Ariawan Purbojo (2. v. l.) und Dr. Robert Blumauer (3. v. l.), der leitende Kardiotechniker Frank Münch (3. v. r.) und zahlreiche Pflegefachkräfte der kinderkardiologischen Station 4A sowie der Intensivstation der Kinderklinik. Foto: Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen
„Sophie ist eine kleine Kämpferin“, sagt Kathrin R. über ihre zweijährige Tochter. Ende Juni konnte das Mädchen wieder nach Hause zurückkehren. Foto: Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen
 

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